Hey, ich melde mich nach monatelanger Pause mal wieder. Ich würde jetzt gerne sagen, dass eine längere Schreibblockade die Ursache für das Nicht-Schreiben von Blog-Einträgen in den letzten Monaten war; allerdings muss ich ganz ehrlich zugeben, dass ich einfach keinen Bock hatte, mich an den Rechner zu setzen und einen Bericht zu schreiben. Während mein innerer Schweinhund für sportliche Angelegenheiten ein jämmerliches Tier ist, scheint der Schweinehund für die wirklich wichtigen anstehenden Dinge ein großes Monster zu sein. Wie auch immer – ich bin zurück!
Am 13. Dezember haben wir in CANAT, der Organisation, bei der ich eine ganze Menge Erfahrungen als Freiwilliger sammele, das Abschlussfest gefeiert. Seitdem ist CANAT, für die Kinder und Jugendliche und ihr Betreuungs-, Bespaßungs- und Bildungsprogramm zumindest, geschlossen. Am 16. März wird CANAT wieder offiziell aus den Sommerferien erwachen und ich damit meine gewohnten Tätigkeiten mit den Kindern beim Fußballtraining in „Manitos jugando“ und bei den Schulkindern in „Manitos trabajando“ fortsetzen. In der Zwischenzeit habe ich aber auch eine ganze Menge interessanter Dinge erlebt, über die ich nach und nach in diesem und in folgenden Blogeinträgen (, die zukünftig deutlich frequentierter erscheinen werden) gerne berichten würde. Zuallererst wäre da „La Tortuga“ zu nennen.
La Tortuga (deutsch: die Schildkröte) ist ein Fischerdorf, was ungefähr anderthalb Autostunden westlich von Piura liegt. Jeden Samstag verbringt Gabi, die Direktorin der Organisation, in La Tortuga, wo sie einige Kinder mit an den Strand nimmt, spielt und ein leckeres Ceviche, ein traditionelles aus rohem Fisch, Limette, Zwiebel und Aji, einer scharfen Paprikasorte, bestehendes Gericht, was in der Region Piura, gemeinsam zubereitet und gegessen wird. Die Samstag-Ausflüge nach La Tortuga haben mit CANAT selber nichts am Hut, sind also zu 100% von Gabi selbst organisiert und für uns Freiwillige ein freiwilliges Wochenendangebot. So kommt es, dass ich nahezu jeden Samstag, sofern der Tortuga-Ausflug nicht ausfiel, was sehr selten der Fall ist, nach La Tortuga mitgekommen bin und in eine völlig neue Welt eingetaucht bin.
La Tortuga ist nicht arm. Das sieht man sofort an den aus soliden Steinmauern bestehenden Häusern, an den vor den Häusern geparkten Mototaxis, mit denen die Fischer ans Meer runterfahren, und nicht zuletzt auch an den gigantischen Flachbildfernsehern, die jedes Haus zu besitzen scheint. Dafür mangelt es aber an Essentiellem: Trinkwasser. Mehrmals die Woche kommt ein Lastwagen aus Paita, der nächsten größeren Stadt, und bringt den Tortugueños ihr Wasser. Allerdings war das erste, was mir an La Tortuga negativ auffiel der Müll. Noch nie habe ich in meinem Leben einen derart kontaminierten Ort gesehen. Besonders die Barrancos, wo die meisten Menschen ihren Müll entsorgen, sehen echt wie richtige Müllhalden aus. Das wahre Ausmaß des Problems wird aber erst sichtbar, wenn man ein paar hundert Meter aus dem Dorfzentrum der Küste in Richtung Norden hin folgt. Dieser Anblick ist einfach deprimierend. Besonders erinnere ich mich an ein Ereignis: Ich kehrte von Norden kommend zusammen mit meinem Mitfreiwilligen Christian ins Dorf zurück, als ich einen großen Müllwagen sah. Er trug die Aufschrift „Para una Tortuga limpia, culta y bella“ („Für ein sauberes, kultiviertes und schönes La Tortuga“) und war gerade dabei, den ganzen Müll, den er von den Haushalten in La Tortuga aufgesammelt hatte, ein paar hundert Meter weiter nördlich in die Landschaft zu kippen. Als die Müllarbeiter uns und mein Handy in der Hand gesehen haben, haben sich mir zugerufen, keine Fotos zu machen; die eine Aufnahme möchte ich euch dennoch gerne zeigen.

Abgesehen von der Abstinenz jeglicher hygienischen Einrichtung, wie Toiletten, eines funktionierenden Müllentsorgungssystems und fließenden Wassers, ist La Tortuga aber ein echt schöner Ort. Absolutes Highlight: Das Meer und seine steinigen, felsigen, abschnittsweise aber auch strandigen Küsten. Jeden Samstag gehen wir mit den Kindern ans Meer und es ist einfach jedes Mal aufs neue ein wunderbares Gefühl, am Strand, der abgesehen von einigen Fischern, die gemeinsam ihre Flöße ans Land ziehen und ihren heutigen Fang begutachten, menschenleer ist, die frische Brise zu genießen, die vielen roten Krebse und Krabben zu beobachten oder mit den Jungs mit sogenannten Cordeles, einer Angelschnur an einem Stück Holz befestigt, (zu versuchen,) von den Felsen aus Fische zu fangen.

So;

Was hat das ganze aber mit der Zeit zwischen Dezember und März zu tun, über die ich berichten wollte?
Ich habe nämlich eine Woche in La Tortuga zusammen mit meinen beiden Mitfreiwilligen gelebt. Gabi hat dort nämlich ein kleines Haus, das im Wesentlichen aus einem großen Raum besteht, der Küche, Esszimmer und Schlafzimmer in einem ist. Aufgrund der Mittagshitze besteht der nutzbare Tag in La Tortuga aus Vormittag und Nachmittag. Vormittags bin ich meistens runter zum Strand gegangen und habe mitgeholfen, den Fischern ihre Flöße ans Land zu ziehen. Diese Flöße, mit denen die Fischer, erstaunlich geschickt das Gleichgewicht haltend, aufs Meer hinausfahren, sind nämlich wahnsinnig schwer und so bedarf es stets der Mithilfe mehrerer Männer, die Flöße ans Land zu ziehen. So haben die Fischer untereinander ein sehr kameradschaftliches, freundschaftliches Verhältnis. Meistens gibt dann der Fischer, der vom Meer zurückkommt, den Mithelfern einige Fische für den Privatkonsum ab. In La Tortuga wird mehrmals täglich Fisch gegessen. Einmal hat mich der Nachbar, Manuel, zum Fischfang mitgenommen. Morgens um vier sind wir mit seinem Mototaxi ca. 20 Minuten bis zum Strand gefahren, wo sein Floß gelagert war. Dann haben wir das Floß ins Wasser geschoben und waren für die nächsten zwei, drei Stunden auf dem Meer. Ich saß dabei durchgehend auf einer umgedrehten Plastikkiste, da ich wohl sonst Gefahr gelaufen wäre, auf dem extrem wackeligen Floß ins Meer zu fallen. Da ich am Morgen, bevor noch die Sonne aufgegangen war, extrem fror, blieb ich also lieber auf der Kiste sitzen. Während Manuel das Netz auswarf und nach einiger Zeit wieder einholte, war es meine Aufgabe, die Fische aus den Maschen zu befreien und ihnen mit einer kräftigen Bewegung das Genick zu brechen, indem ich ihnen den Kopf auf den Rücken drehte. Am Anfang habe ich es noch häufig falsch gemacht, weshalb mich Manuel streng korrigierte. Besonders schön war, als dann die Sonne aufging, und Mann langsam den feuerroten Ball sich über das Meer emporheben sah. Häufig hat man auch die Seehunde brüllen gehört und aus dem Wasser auftauchen sehen, was bei den Fischern auf den Flößen im Allgemeinen Besorgnis auslöst, da die Seehunde ihnen die Fische aus den Netzen reißen und diese dabei beschädigen. Für diese Erfahrung, beim Fischen dabei zu sein, bin ich sehr dankbar und hoffe, das irgendwann wiederholen zu können.
Nachmittags sind wir häufig an den Strand gegangen. Häufig waren da auch einige Kinder, mit denen wir auch gespielt haben. Aber auch einfach nur im Schatten der Klippen zu sitzen und auf die Weiten des Pazifiks hinauszuschauen war auch nicht schlecht. Zweimal habe ich auch Fußball gespielt mit den Fischern. Das Dorf hat nämlich ein großes Kunstrasenfeld, wo sich die Fischer häufig treffen, um in zwei Teams gegeneinander mit einem jeweiligem Wetteinsatz von 10 Soles Fußball zu spielen. So habe ich da auch mitgespielt. Einige der Fischer sind wirklich gute Fußballspieler, während andere eher ziemlich schlecht sind. Ich selbst habe ganz okay gespielt, allerdings weit unter meinen Möglichkeiten. Irgendwie werde ich ständig nervös, wenn ich mit neuen, unbekannten Menschen Fußball spiele. Dennoch konnte ich aber ein paar Tore auf mein Konto verbuchen. Nach dem Fußballspiel bin ich dann immer zum Strand runtergegangen, da das Meer im Übrigen die einzige Möglichkeit war, sich zu duschen. Achja, und nachher haben wir immer noch ein paar Wasserkanister mit Meerwasser hochgetragen, um Wasser zum Händewaschen und zum Abwaschen von Geschirr zu haben. Ansonsten habe ich in La Tortuga viel gelesen und viel nachgedacht, da in der Mittagszeit eh nichts anderes möglich ist. Gegen Ende hat es mich dann voll erwischt. Irgendwie habe ich mich mit einem Virus oder so angesteckt und ziemlich schlimmen Durchfall bekommen. Durchfall ist doof, wenn man zuhause ist und eine Toilette hat, ist aber um einiges doofer wenn man irgendwo draußen auf Toilette gehen muss, das könnt ihr mir glauben. So bin ich dann, meiner gesundheitlichen Situation wegen, einen Tag früher abgereist.
Insgesamt war die Erfahrung, eine Woche lang in La Tortuga zu leben, dennoch extrem bereichernd und ich erinnere mich heute weitgehend gerne daran zurück.
Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal!
